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5. Januar 2009

Neujahrsansprache 2009

Pünktlich um 9 Uhr heute morgen stieg bei mir in der Firma die traditionelle Neujahrsansprache des Firmenchefs. Dies ist wohl der einzige Tag im ganzen Jahr, an dem wirklich alle gleichzeitig in der Firma ankommen, und sich kurz vor 9 endlose Schlangen vor den Aufzügen bilden.

Die Neujahrsansprache ist schon ein seltsames Event. Da versammeln sich alle in unserer Aula, alle in voller Trauermontur schwarz in schwarz, sehr nahe am Matrix-Original. Lediglich bunte Socken und braune Leder-Schuhe scheinen akzeptiert zu sein. Und mittendrin ich im blauen Beamtenhemd. Egal, Ausländer, was solls.

Dann spricht der Chef von den Bilanzen des letzten Jahres, wirft uns irgendwelche Prozentwerte um die Ohren - ich war grad glücklich, nicht alles verstehen zu können.

Der Höhepunkt sollte aber sogleich folgen- unser Chef hat sich einer für ihn sehr wichtigen Sache angenommen und uns nahegelegt, doch "mindestens Sonntags nicht zu arbeiten" - um das mit der Work-Life-Balance auf die Reihe zu bekommen.

Ich konnte mir mein Schmunzeln kaum verkneifen, vor allem, weil sonst niemand ernsthaft auf diese Aussage reagiert hat. So etwas bekommt man wohl wirklich nur im Land der Workaholics zu hören....

Motivation sieht wohl etwas anders aus - aber wenn sowieso schon alle in der Firma wohnen, ist das eventuell gar nicht mehr notwendig. Nun gut, lasst uns das neue Jahr beginnen.

p.s. Wenigsten hat uns unser Chef nicht als "liebe Konsumenten" abgetan - sowas kann sich wohl nur die gute Angie in ihrer Neujahrsansprache erlauben. Gab es darauf eigentlich Reaktionen - oder finden sich alle mit der Diene-deiner-Wirtschaft-und-Regierung-Rolle in Deutschland ab?

29. November 2008

Japan in the News

Gestern abend war ich mal wieder etwas verdutzt.

In den Hauptnachrichten ging es neben den beiden Brennpunkten Thailand und Indien um eine Geschichte, in der berichtet wurde, dass 331 zukünftige japanische Universitätsabgänger nicht wie geplant im April nächsten Jahres ihre erste Stelle in einer Firma beginnen können. Und zwar, weil diese Firmen nach dem Vertragsabschluss pleite gegangen sind.

Richtig gelesen, 331 Leuten wurden die versprochene Stelle gestrichen. In Japan werden die Leute im Übrigen schon ein Jahr vor dem eigentlichen "Uni-Abschluss" eingestellt. Und in diesem Jahr herrscht wohl zum ersten Mal seit 2001 keine Vollbeschäftigung mehr.

http://www.asahi.com/english/Herald-asahi/TKY200811280228.html

Eine Geschichte wie diese würde wohl in Deutschland noch nicht einmal in den Regionalnachrichten auftauchen, wenn man sich mal vor Augen hält, dass bei uns über einen Lehrstellenmangel diskutiert wird, der in die Zehntausende geht.

Vielleicht liegt das "Problem" in Japan auch ganz woanders, da braucht man sich nur die ziemlich lustigen Werbespots der Firma Nanyo anschauen, deren Kernaussage ist: "do it with a machine” (instead of using human labor).

7. Oktober 2008

Fahrradfahren in Tokio

Seit dieser Woche beginnt ein neues Kapitel für mich in Tokio. Seit einigen Tage bin ich stolzer Besitzer eines schicken (und sehr schnellen) Fahrrads! War gar nicht so einfach, ein Rad in Tokio zu kaufen, da sich der Fahrradmarkt hier erst seit den letzten Jahren entwickelt. Zwar gibt es überall die üblichen Citybikes sowie über-Sportbikes zu kaufen, aber ein vernünftiges Rad zum Pendeln war schon schwerer zu finden.



(Warum die mir zwei große Sticker mit der Aufschrift "CHAOS" auf den Rahmen geklebt haben, weiß ich allerdings nicht - die kennen mich doch gar nicht?!)

So habe ich alle Fahrradgeschäfte in meiner näheren Umgebung abgeklappert, aber nicht das Richtige gefunden. Am Ende habe ich das Rad dann im Internet bei einem Laden in Osaka bestellt. Was mich insgesamt so um die 40.000 Yen (ca. 250 Euro, inklusive Lieferung) gekostet hat - für japanische Verhältnisse eine ganze Stange Geld für ein Fahrrad. Einfache (extrem-schnell rostende) Citybikes gibt es schon ab ca. 8.000 Yen zu kaufen (ca. 50 Euro). Dies verleitet die lieben Japaner auch dazu, sich nicht wirklich um ihr Zweirad zu kümmern, und so enden die meisten nach einiger Zeit verrostet und vergessen an irgendeinem Straßengeländer und warten darauf, dass es von der Polizei eingesammelt und verschrottet wird.

Auch wenn ich jeden Morgen nur ganze sieben Minuten oder drei Stationen mit der U-Bahn fahren muss, geht mir die tägliche Drängelei und hektische Rennerei der japanischen Workaholics ziemlich auf die Nerven - daher will ich in Zukunft so oft wie möglich mit dem Rad zur Arbeit pendeln.

Dies ist allerdings laut Kundgebungen meiner Kollegen eigentlich nicht erlaubt, da Tokio nicht wirklich zu den fahrradfahrerfreundlichsten Orten auf diesem Planeten gehört (was schwer untertrieben ist, eigentlich ist Tokio der absolute Alptraum für Radfahrer). Unsere Kranken- und Unfallversicherer sehen es halt mal nicht gerne, wenn man mit dem Rad zur Arbeit fährt, weil sie wohl mit zu hohen Kosten rechnen, sollte mal was passieren.

Auch meine Firma ist nicht wirklich auf Fahrräder eingestellt - Parkplätze gibt es streng genommen nicht. Da seit einiger Zeit immer mehr Leute mit dem Rad ins Büro kommen, steht halt der ganze Vorgarten voll mit Fahrrädern. Bin mal gespannt, ob ich als Europäer es anleiern muss, dass endlich mal vernünftige Stellplätze eingerichtet werden oder ob dies einer meiner Kollegen in Angriff nimmt....

Am Sonntag Morgen habe ich mich dann mal probeweise auf den Weg gemacht - ausgestattet mit Ausdrucken von google maps und einer ungefähren Vorstellung, wie ich zu meiner Firma kommen wollte. Da die Japaner Sonntag morgens bis in die Puppen schlafen, war relativ wenig bis gar kein Verkehr - das größte Hindernis waren einige ältere Damen, die es tatsächlich schafften, zu zweit eine 5 Meter breite Straße komplett zu blockieren - (interne Notiz: irgendwann mal versuchen, das mathematisch nachzuweisen). Und heute Morgen dann der Ernstfall - mit dem Rad zur Firma pendeln!

View Larger Map

Der erste Teil der Strecke führt entlang einer engen Einbahnstraße durch ein Wohngebiet mit vornehmlich Einfamilienhäusern. Da wird man morgens von diversen Autofahrern angehubt, weil man nach deren Auffassung den Weg versperrt - unglaublich, wie viel Geduld die sonst also so "feinfühlig" und "rücksichtsvollen" Japaner hier an den Tag legen. In einer 20er-Zone mit maximaler Breite von 4-5 Metern zwischen Hauswand und Hauswand...Vor allem sind das wohl (völlig überforderte) Mütter, die noch kurz ihren Nachwuchs in der Tagesbetreuung abliefern und dann schnell ins Büro wollen.

Der zweite Teil geht entlang des Kandagawa-Flusses, wo es eine autofreie Promenade gibt. Nach der Hälfte der Strecke muss ich erneut auf die Straße, wiederum durch ein Wohngebiet mit relativ wenig Verkehrsaufkommen, aber breiteren Straßen. Und dann kommt wieder ein Stück entlang des Flusses.

Bis dahin ist alles ganz easy, bis auf die alten Damen, die glauben, sie sind alleine auf dieser Welt unterwegs, eine einfach zu bewältigende Strecke. Die folgenden, wenigen Meter entlang einer Hauptstraße sind auch gar nicht so schlimm, da man alternativ auch eben auf den Gehweg ausweichen kann (was in Japan Gang und Gebe ist, um sich vor den völlig rücksichtslosen, verrückten und untalentierten Taxifahrern zu schützen.

Nach einem weiteren kleinen Stück durch ein Wohngebiet in der Nähe von Tokyo Dome komme ich dann zur Sotobori Dori-Straße, wo es einen geteilten Geh- und Radweg nach europäischem Vorbild gibt. Selbst das in Deutschland bekannte blaue Schild hat man hier etabliert - nur verstehen die Japaner es nicht. Auch wenn die beiden Bereiche für Fußgänger und Radfahrer farblich deutlich unterschieden sind, laufen die Anzugträger morgens - Blick streng auf das Mobiltelefon gerichtet - kreuz und quer in der Gegend rum - an Radfahren ist da nicht mehr zu denken. Aber auch diese wenigen hundert Meter sind zu überstehen, und nach gut 25 Minuten sitze ich an meinem Schreibtisch im Büro - nachdem ich mein Rad im Vorgarten abgestellt habe ;-)

Die Strecke zum Büro ist laut google maps 4,91 km lang, der Rückweg ist aufgrund einer etwas veränderten Wegführung (Einbahnstraßen) wohl etwas länger.

Allgemein muss man wohl erwähnen, dass die Japaner in der Grundschule anscheinend alle durch die Fahrradprüfung gefallen sind - oder dass diese grundlegenden Verhaltensregeln gar nicht auf dem Lehrplan stehen. Sie verhalten sich im Straßenverkehr nämlich wie die absoluten Rowdies, nehmen jede rote Ampel locker mit und drängeln selbst durch eine Fußgängergruppe, die gerade bei grün die Straße überquert.

Auch fahren sie mal links und mal rechts auf der Straße, als ob dies überhaupt keinen Unterschied machen würde. Da wird mir langsam klar, warum meine Versicherung es nicht mag, wenn wir mit dem Rad unterwegs sind. Vielleicht sollte man den Grundschülern (und dem gemeinen japanischen Angestellten) mal ein paar Stunden Unterricht im Fahrradfahren spendieren - schaden würde dies sicherlich nicht.

Am Ende beißt es sich halt doch, wenn man 9 Jahre braucht, um Lesen und Schreiben zu lernen - da fehlt halt die Kapazität, um anderes zu lernen......

16. März 2008

Schulhofdienst

Früher, in der Schule, war es eigentlich keine so schlechte Sache, sich freiwillig zum Schulhofdienst zu melden.
So war es ohne Probleme möglich, die große und kleine Pause etwas in die Länge zu ziehen, um so die eher uninteressanten Unterrichtsstunden zu verkürzen. Schließlich mussten die Reinigungsutensilien wieder sachgemäß verstaut werden.

Dieser Tage holt mich diese Erinnerung an längst verflossene, sorgenfreie Tage wieder ein, denn auch hier in Japan gibt es eine Art "Schulhofdienst.
Hier nennt sich das ganze Borantiia-seesoo - wobei "seesoo" (清掃, 'seizou') soviel wie Reinigen, Aufräumen, Säubern bedeutet, und "Borantiia" (ボランティア) die (erstaunlich indisch-klingende) japanische Variante des englischen Wortes Volunteer ist.

Die Bürostadt, in der meine Firma ihren Hauptsitz und ich meinen Arbeitsplatz habe, heißt i-Garden Air - warum auch immer. Nun gut, wenn man als Industrienation immer noch keine Straßennamen erfunden hat und historische Referenzen nicht en vogue sind (in Europa oder den USA würde das Gelände wohl noch in 200 Jahren "alter Rangierbahnhof" heißen), kommt es wohl zu solch extremen Anglizismen. Auf jeden Fall ist das Gelände, auf dem sich heute eine dichte Sammlung von Bürobauten, Hotels und Restaurants drängen, privater Raum. Diese - vor allem in den USA - als durchaus kritisch und fragwürdig angesehene (Teil-)Privatisierung des öffentlichen Raumes hat zur Folge, dass hier nicht nur überall privates Wach- und Sicherheitspersonal herumläuft, sondern auch die Reinigungsarbeiten vom Eigentümer übernommen werden müssen.

Alle paar Monate gibt es zusätzlich eine Volunteer-Säuberungskolonne - die sich aus den beschäftigten Büroarbeiter zusammensetzt. Ab 8:30 morgens wuselt diese Gruppe der Freiwilligen dann in vollem Businessoutfit - also mit Anzug und Krawatte auf dem Gelände herum und sammelt dort all die Kippen und Plastiktüten auf, die sie an den Tagen zuvor achtlos fallengelassen (a.k.a. weggeworfen) haben. Hier ein paar Bilder, die mit der Einladung über das Mailsystem meiner Firma verschickt worden sind:






(Erstaunlich, wie die Foto-verrückten Japaner derart qualitativ-schlechte Fotos produzieren können)

Die Aktion ist schon sehr lustig, und irgendwie auch sehr sehr japanisch. Warum übernimmt nicht der private Reinigungsdienst diese Arbeit? Warum müssen das die chronisch-überbeschäftigt-tuenden Angestellten in ihren Business-Anzügen machen? Und dann noch VOR der regulären Arbeitszeit? Da steckt sicherlich mehr dahinter.....

Auch innerhalb meiner Firma ist zu beobachten, dass anscheinend niemand im Kindergarten gelernt hat, dass man seine Bauklötze, mit denen man gespielt hat, anschließend wieder zusammensucht und in die Kiste zurücklegt - hier im Büro sieht es zum Teil aus wie ..... (ich verkneife mir hier weiteres). Die Jungs und Mädels lassen nach ihren ständigen Meetings einfach ihre Kaffee-Pappbecher stehen, überall fliegen die Papierschnipsel rum, die vom Lochen übriggeblieben sind. Und ein Metalldetektor würde bei den in rauen Mengen auf dem Boden verteilten Büroklammern und Clips seine wahre Freude haben. Hier ist es also auch nicht anders, also braucht es die monatlich stattfindende Reset-Time - damit alle endlich mal wieder ihren Saustall aufräumen (Bei der letzten Reset-Time hat auf meiner Etage anscheinend jemand herausgefunden, wie man die Lautsprecher abdrehen kann - so dass die begleitende Lounge-Musik nicht mehr zu hören war und die Reset-time ohne weiteres übergangen wurde.).

Warum haben die Japaner um mich herum so wenig Sinn und Aufmerksamkeit für ihre Umwelt? Das Büro ist doch für viele mehr als ihr zu Hause, wenn man sich mal vor Augen führt, dass die hier jeden Tag zwischen 12-14 Stunden Minimum verbringen. Und trotzdem schlampern sie in Sachen Aufräumen und Ordnung. Und das in einer Nation, die jahrelang berühmt war für ihre Feinfühligkeit im Umgang mit der Natur und ihrer Umwelt.

Vieles hat wohl damit zu tun, dass es in Japan praktisch keine Sozialkritik zu geben scheint. Hier wird niemand zurecht gewiesen. Da kann eine schwangere 75-jährige Großmutter mit gebrochenem Bein und Baby auf dem Arm vor den besetzten Priority-Sitzen in der U-Bahn auftauchen, niemand von den dort sanft schlafenden Businessmen würde auf den Gedanken kommen, seinen Platz herzugeben. Und niemand würde sie dafür kritisieren. Neulich wurde sogar ein junger Businessman verurteilt, weil er eine junge Frau mehrmals ins Gesicht geschlagen hat. Diese hatte sich erdreistet, ihn mehrmals zum Hergeben seines Sitzplatzes zu Gunsten der eben eingestiegenen alten Dame aufzugeben. Willkommen im Land des Lächelns und der Freundlichkeit.

Vieles wird im Normalfall einfach totgeschwiegen, oder derart seicht durch die Blume ausgedrückt, dass am Ende niemand mehr weiß, was eigentlich gemeint war. Irgendwie ist die ganze Geschichte mit den japanischen Höflichkeitsregeln völlig aus der Kontrolle geraten und nicht wirklich dem Fortschritt dienlich. Ich denke sehr oft, dass, wenn die Chefs hier mal endlich klare Ansagen machen würden, vieles viel effektiver und besser laufen würde. Aber da speziell die Führungsetage in den Japanischen Firmen noch aus prä-historischen Zeiten stammt - als Feuer noch eine wirkliche Attraktion war - kommt es wohl kaum zu einem großen Umdenken. Vor allem, wenn sich die jüngere Riege diesen völlig überholten Regeln gegenüber weiterhin verpflichtet fühlt.

Auch im TV gibt es - soweit ich dies durch meinen gegen Null tendierenden TV-Konsum beurteilen kann, keine sozialkritischen Themen. Sind die zu kompliziert für die Japaner? Oder will die Verwaltung (die Hinter allem Übel in diesem Land zu stecken scheint) seine lieben Mitmenschen nicht mit der Wahrheit konfrontieren? Stattdessen wimmelt es von Sendungen, die alle nach dem gleichen Prinzip funktionieren "Japanern zuschauen, die selbst fernsehen". Eine Gruppe von TV-Prominenten (die sind nur im TV, weil sie im TV sind) schaut sich Beiträge an, die es qualitativ in Deutschland noch nicht mal ins Kinderfernsehen schaffen würden. Und der wirkliche TV-Zuschauer sieht diesen Menschen zu, wie sie bei dem Beitrag ihre Grimassen ziehen und diverse "Aaahhh" und "Ooohhh" Kommentare von sich geben. Am Ende versuchen dann alle, möglichst lustige (für japanische Verhältnisse) Kommentare zu den Einspielfilmen abzugeben. Das ist japanisches Fernsehen - und alle schauen es! Eine ganze Nation auf RTL2-Niveau, fernsehtechnisch jedenfalls.

Nun gut, vom Schulhof im gemütlichen Niederkassel über die nicht stattfindende Sozialkritik zum Dumpfbacken-TV in Japan. Und alles in einem Blog-Post. Nicht schlecht, oder?

20. Dezember 2007

Kindergeburtstag mit Alkohol

Gestern war in meiner Firma Weihnachtsfeier angesagt. Na ja, so ähnlich auf jeden Fall. Hier feiert man natürlich nicht das christliche Fest, sondern den Jahresabschluss - eine "Year-End-Party" sozusagen.

Zur Veranstaltung gestern wurden alle Mitarbeiter der 12 Etagen geladen, von denen allerdings höchsten 40% teilgenommen haben. Die wussten wohl alle schon, was sich da abspielen würde und haben darauf verzichtet. Hat schließlich auch Kohle gekostet, gestaffelt nach Rang und Position zwischen 20 und 100 Euro.

Ähnlich wie die bisherigen Veranstaltungen in meiner Japanischen Firma ging es auch gestern Abend zu - sehr kindisch. Zuerst durften alle Abteilungsleiter, Sektionsleiter, Gruppenleiter und Leiter-von-sich-Selbst-Menschen eine kurze Ansprache halten. Dies war eine Mischung aus "Wir hatten wirklich verdammt viel zu tun im vergangenen Jahr" und einem kurzen (angeberischen) Rückblick auf die Projekte des Jahres.

Dann wurde aber endlich angestoßen. Alkoholika wurden in rauen Mengen und allen erdenklichen Formen dargeboten. Viele davon wurden als Gastgeschenke von den Externen Gästen aus Osaka, Nagoya, Dalian, Sapporo und woher auch immer mitgebacht. Auch gab es hochprozentige Mitbringsel aus Projektländern, etwa Russland.

Dazu wurden japanische Köstlichkeiten aufgetischt, die dieses Mal bis zum Ende ausreichen sollten. (Beim letzten Mal war nach einem stürmischen Buffet-Überfall nach 20 Minuten alles weg. Die Gäste aus Sapporo haben dazu noch eine ganze Kiste frischer Krabben mitgebracht, die gerade mal so auf zwei zusammengestellten 2mx1m Tischen Platz gefunden haben. Und dann begann das große Fressen.

Im weiteren Verlauf des Abends wurden dann Spiele gemacht, denen ich zum letzten Mal vor gut 25 Jahren auf einem Kindergeburtstag begegnet bin - Eierlauf und Bilderrätsel (wessen Nase ist das?). - Japan ist definitiv anders, und die Japaner noch "anderser" - die können sich wirklich bei solchen Dingen amüsieren. Da braucht ein Europäer zumindest einen Pegelstand jenseits der 2.0, was sich allerdings aufgrund des eher weniger schmackhaften Bieres nicht erreichen ließ. Immerhin hat es vier Leute gebraucht, um sich die "lustigen" Spiele auszudenken - Respekt. Letztes Jahr wurde wenigstens Nintendo Wii gespielt.

Die Gewinner der sportlichen Wettbewerbe durften dann am Ende größtenteils "zensen iranai mono" - Preise mit nach Hause nehmen - Dinge die man wirklich nicht braucht. Der Hauptgewinn war ein Klappfahrrad, wobei ich hoffe, dass der Kollege ab sofort kein Monatsticket für die U-Bahn mehr bekommt.

23. November 2007

Tag der Arbeit

Heute ist in Japan ein Feiertag - Kinro Kansha No Hi (勤労感謝の日, "Tag des Dankes der Arbeit").

Eigentlich also eine schöne vier-Tage-Woche und ein drei-Tage-Wochenende - na ja, eigentlich. Da wir einfach nicht genug Leute für unsere Projekte zugeteilt bekommen, versinken wir gerade in Arbeit, müssen Deadlines verstreichen lassen und arbeiten fast jeden Tag bis zur letzen U-Bahn. So wird aus einem Feiertag ein mehr oder weniger normaler Arbeitstag.

Als Nicht-Firmensklave hätte ich den Tag natürlich frei machen können, die Arbeit hätte ich dann aber in der nächsten Woche spät abends nachholen müssen. Und da meine liebe Freundin eh auf Reisen war, habe ich beschlossen, für ein paar Stunden in die Firma zu gehen.

Überraschender Weise war ich nicht alleine, ca. 20% der Belegschaft war ebenfalls anwesend! Die wenigsten davon hätten wohl wirklich kommen müssen, ich glaube kaum, dass die wirklich busy sind, eher, dass sie einfach nichts anderes zu tun haben...was sehr traurig ist....Alle sind casual-dressed in die Firma gekommen - also fern der sonst üblichen Anzugs-Kostümierung. Gekleidet im eigenen Stil, habe ich die meisten Leute kaum erkannt, hier wimmelte es von dunklen Sonnenbrillen, Baseballcaps etc. Jetzt verstehe ich so langsam, warum ein Dresscode hier wirklich Sinn macht!

21. Juni 2007

Sinnlose Jobs

Die Wirtschaft in Japan brummt zur Zeit, und die Arbeislosenquote, do ist du lesen, sei irgendwo unter 4%. Hört sich soweit ganz gut an, wenn man sich das ganze dann aber näher betrachtet….in Japan gibt es eine grosse Anzahl von Jobs, die eigentlich völlig überflüssig sind, Beispiele gefällig? Gerne!

Wie wäre es mit dem Abgestellte-Fahrräder-Umsteller? Diese wichtigen Leute machen vor den Shoppingmalls nix anderes, als die eigentlich ordentlich abgestellten Fahrräder umzuräumen und noch dichter und ordentlicher zusammenzustellen. So ist es an der Tagesordnung, dass man sein Fahrrad nie dort findet, wo man es abgestellt hat. Überflüssig.

Oder der Beruf des Parkhaus-Einfahrt-Ausfahrt-Winkers? Diese Aufgabe beinhaltet, dass jeweilige Auto erst dann über den Bordstein in Richtung Fahrbahn bzw. Richtung Parkhaus fahren zu lassen, wenn auch wirklich keine Fußgänger oder Radfahrer mehr in Reichweite sind. Als würde dies ohne diese fachgerechte Einweisung nicht funktionieren. Sinnlos.

Ähnlich ist der Aufgabenbereich eines Baustellen-Einfahrt-Bewachers. Dieser steht den ganzen Tag vor der Baustellenausfahrt, um in den zwei oder drei Fällen am Tag, an denen der Betonmixer rausfahren will, wild mit seinem Weisungsknüppel zu winken. Ebenfalls unnötig.

Auch die mit dieser Spezies verwanden Baustellen-Absicherungs-Fachkräfte findet man überall. Wenn sich die Stadt einer lockeren Gehwegplatte annimmt, stehen mindestens zwei Aufpasser da und winken die passierenden Leute um die bereits vorhandene Absperrung herum – als ob die ohne diesen Hinweis mitten durch laufen würden.

Ein letztes Beispiel, der Beruf des Geldautomaten-Bewachers. In Japan scheint es ein Volkssport zu sein, die Geldautomaten aus den Bankfilialen zu klauen. Auf jeden Fall trifft man immer wieder auf einen Sicherheitsbeamten, der hier für Recht und Ordnung sorgt.

Die beste Situation hierzu kann man im Stadtteil Roppongi erleben. Hier gibt es eine Zweigstelle der Citibank. Zweigstelle ist wohl etws viel gesagt, eigentlich handelt es sich um zwei Bankterminals. Um zu diesen zu gelangen, muss man zuerst in ein Gebäude rein (Überwachungskamera Nr. 1), dann mit dem Aufzug in den ersten Stock (Überwachungskamera Nr. 2) um dann in den Bankterminalbereich zu gelangen Überwachungskamera Nr. 3+). Aber zu aller Sicherheit steht hier, in dem knapp 8m² großen Raum auch noch ein Sicherheitsbeamter rum...

Gleichzeitig entwickeln die Japaner dafür Roboter, die sich um die Altenpflege kümmern oder Roboter, die aussehen wie eine Kopie von R2D2, in ihrem Bauch einen Kühlschrank für Bierdosen eingebaut haben und diese von selbst öffnen und einschenken können – na dann Prost.

Bild-Quelle: Chip.de

1. Mai 2007

Geschmack

Nach drei Monaten im Büro und somit drei Monaten Anschauungsmaterial in Sachen japanischem Büroalltag, fallen mir insbesondere zwei Dinge auf. Erstens, die Japaner sind gefangen in ihren ach so speziellen und einzigartig-verschriebenen business manners, und zweitens, sie sind völlig geschmacksfrei.

Auch wenn ich meine Firma eher als progressives Beispiel in der japanischen Business-Szene ansehen würde, gibt es auch hier etliche Japan-eigene Regelungen in Sachen Business Manners. Beispiel Telefonat. Im Großraumbüro kommt man nicht umhin, ungewollt das eine oder andere Gespräch belauschen zu müssen/zu dürfen. Es fängt immer mit dem gleichen Paket aus Höflichkeiten und Begrüßung an; und natürlich Entschuldigungen dafür, dass man überhaupt anruft. Dann, nach einiger Zeit, geht es wohl um den eigentlichen Grund des Anrufs, gefolgt von einer der Begrüßung in nichts nachstehenden Verabschiedung. Würde man den ganzen formellen Kram weglassen, das eigentliche Telefonat würde wohl auf 30% der Zeit zusammenschrumpfen. Kein Wunder, dass die Japaner bis spät in die Nacht arbeiten müssen.

Im Büro wird natürlich Pinguin-Tracht getragen, ohne Krawatte geht hier gar nix. Verwunderlich ist, dass es im Büro lediglich bei der Fußbekleidung eine Lockerung zu geben scheint. Auf jeden Fall laufen hier alle Angestellten in den hässlichsten und billigsten Adiletten rum, die die Welt je gesehen hat! Was schon bei den Herren der Schöpfung in ihren maßgeschneiderten Anzügen lustig aussieht, erreicht seinen Höhepunkt bei den jungen Damen, deren Kombi aus Designerkostüm und Slipper zum Schreien komisch ist. Und geschmacklich an der Grenze des Erlaubten. Die Krönung des Ganzen wird durch den Blick auf die Sockenwahl erreicht, hier wird jede (Un-)Farbe mit jeder Farbe kombiniert - als ob wirklich alle farbenblind wären.

Weg zur Arbeit

Diese kuriose Szene hier kann man jeden morgen überall in Tokio beobachten:


Aufgenommen: Freitag, 13. April 2007, 07:28:54


Nur zur Information, die Laufen nicht etwa vor King Kong davon, und trainieren auch nicht für den nächsten Marathon (obwohl, wer weiß das schon...) - die gehen einfach nur zur Arbeit...

30. April 2007

Neue Mitarbeiter - Shin-Nin

Jedes Jahr im April stellen die Firmen in Japan neues Personal ein, und zwar nur zu diesem Zeitpunkt. Wenn man also sein Studium beendet hat und sich durch den endlosen Bewerbungsmarathon (mit hunderten von wahllosen Bewerbungen), der hier veranstaltet wird, gekämpft hat, beginnt pünktlich zum 1. April die "Sklaverei" in der Firma.

Da die Japaner recht "dumm" und unvorbereitet von der Universität kommen (praxisnahe Ausbildung scheinen die Japaner eher weniger zu kennen), durchlaufen sie in der Firma zuerst einmal eine mehrmonatige Eingewöhnungsphase; man könnte dies wohl auch "betriebsinterne Schulung" nennen. So ist es nicht wirklich von Bedeutung, welches Fach man studiert hat; wichtiger ist eher, von welcher Uni man kommt, welche Kontakte man hat usw.. So bekommt man schließlich einen Job. Und die Firma sorgt dann dafür, dass man für die anfallenden Aufgaben qualifiziert wird.

Auch meine Abteilung hat dieses Jahr fünf neue Leute eingestellt und vergangene Woche Freitag war die Willkommensveranstaltung. Zu der Party, die ab 19:30 Uhr in der Firma steigen sollte, wurde unser gesamtes Stockwerk eingeladen (was bei uns gleichbedeutend mit einem großen Arbeitsraum ist und ca. 100 Leute (?) umfasst). Dazu kommen dann noch die Firmenbosse und Vize usw..

Ach ja, "Einladung" ist wohl der falsche Ausdruck, schließlich wurde jeder gebeten, für die anfallenden Unkosten selbst zu löhnen - immerhin gestaffelt nach Position und Einkommen.

Der Ablauf dieser Willkommensveranstaltung war dann für mich doch schon ein wenig überraschend, weil sehr japanisch. Zuerst einmal greifen alle zur Dose aka (zum Alkohol), der in rauhen Mengen und allen Facetten bereitgestellt wurde. Nachdem dann alle bereits ein wenig angetrunken waren, wurde mit kurzen Worten vom Firmenchef das Büffet eröffnet. Sogleich stürzten sich alle auf die Köstlichkeiten, ganz ohne Hemmungen , und häuften so viel auf ihre Teller wie nur möglich.

Wirklich, sobald die Japaner mit Nahrungsmitteln konfrontiert werden, verlieren sie alle guten Manieren! Gleiches ist auch im Supermarkt zu beobachten. Irgendwie wird da der Raubtier-Instinkt reaktiviert - und schon fängt das unkoordinierte Gedränge an.

Nach der kurzen Essenspause und weiterem Genuss alkoholischer Getränke, war es dann an den Neulingen, in einer kurzen Powerpoint-Präsentation eine kurze Selbstvorstellung zu geben. Da zu diesem Zeitpunkt die Mehrheit der anwesenden Gäste bereits in einen berauschenden Zustand verfallen war und niemand den Neulingen wirklich Beachtung geschenkt hatte, hatten die einen wirklich schweren Stand. Persönlich finde ich dies ein Ding der Unmöglichkeit. Da kommen die neuen Leutchen, bereiten eine Präsentation vor und keiner fühlt sich verpflichtet, mal für ein paar Minuten die Luft anzuhalten, um der Vorstellung zu lauschen. Ich war wirklich knapp davor, mich zu Wort zu melden, um für etwas mehr Anstand zu appellieren. - Leider habe ich aber auch gleich erkannt, dass ich da mehr falsch machen kann als richtig und meine Sprachkenntnisse eh nicht ausgereicht hätten...

Die Neulinge haben dann in durchweg ziemlich schlecht gemachten Powerpoint-Präsentationen von ihren bestimmt interessanten Studienarbeiten berichtet, und am Ende sogar von ihren zahlreichen Hobbies erzählt - ob die bereits wussten, dass sie ab sofort das Thema Hobby ad acta legen können?

Die Party zog sich dann noch bis 22:30 Uhr hin, es floss weiterhin Alkohol in rauhen Mengen, und die Diskussionen wurden lebhafter und lauter. Zum guten Schluss haben die mich dann mit einigen anderen, die ebenfalls in den vergangenen Monaten eingestellt wurden, auf die Bühne gestellt - zwecks kurzer Vorstellung. Alle anderen haben natürlich die japanischen Floskel von sich gegeben, ich musste da schon etwas mehr improvisieren. - Zum Glück hat mich mein Abteilungsleiter mit seiner etwas "vorlauten" und "unpassenden" Frage nach der Nationalität meiner Freundin vor versammelter Abteilung unterbrochen. Ob er dies absichtlich oder auf Grund seines gestiegenen Alkoholpegels getan hat - ist mir eigentlich egal. Der folgende Wortwechsel war allerdings ganz lustig und alle haben sich amüsiert. :-)

Und, was bleibt übrig vom Fest? Als ich meine Sachen vom Arbeitsplatz geholt habe, um mich ins Wochenende zu stürzen, fand ich doch tatsächlich knapp 20% meiner Abteilung hinter ihren Computern beim Arbeiten - nach der Party, Freitag Abend, kurz vor 23 Uhr. Traurig, traurig, traurig.....

13. April 2007

Freitag Abend

Hmmm, habe ich den Freitag Abend in der Firma schon mal zum Thema gehabt? Wahrscheinlich schon, aber jetzt sitze ich hier schon wieder um 19:30 Uhr, alle sind noch im Büro und gleich ist auch noch ein Meeting angesetzt.

Verstehen tue ich das Ganze aber immer noch nicht. Entweder die ganzen Leute haben kein zu Hause, kein privates Leben und Hobbies, oder keine Freunde oder was auch immer. Oder was wollen die hier noch? Wissen die Freitags noch nichts vom Wochenende?

Ist aber wirklich jede Woche das gleiche. Irgendeine sinnlose Veranstaltung finden die immer, die sie auf Freitag Abend legen können. Letzte Woche eine Schulung, diese Woche eine Besprechung, nächste Woche eine Welcome-Party für die neuen Mitarbeiter...

Ich glaube in einer Deutschen Umgebung würde ein Japaner nach gut zwei Wochen aufgeben, weil er mit der ganzen Freizeit völlig überfordert wäre.

Also gut, mache ich halt noch die Besprechung mit und dann ab ins Wochenende. Ab morgen gibt es dann Bilder aus Oshima, versprochen ;-)