22. September 2008

Kumejima

Dieses Wochenende haben wir uns eine 4-tägige Auszeit gegönnt. Ich
konnte Freitag und Montag meine Kompensationstage nehmen, und Dienstag
war dann gleich noch ein Feiertag.

Freitag morgens sind wir vom Haneda-Flughfen gestartet und knapp 2,5
Stunden später auf der größten Nebeninsel Okinawas - Kumejima gelandet.

Auf Kumejima gibt es neben dem kleinen Flughafen eigentlich nicht
viel, ca. 9000 Einwohner gehen hier einem sehr ruhigen Leben nach,
produzieren hauptsächlich Salz und Zucker, und einige Leben halt vom
Tourismus.


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Auf der Insel gibt es eine Handvoll größerer Hotels, die alle an
irgendeinem der vielen Sandstrände liegen. Wir waren im "Kume Island
Resort Hotel" untergebracht - wobei der Name nach sehr viel mehr
klingt als das Hotel tatsächlich hergibt. Wenn ein kleiner Pool und
eine Putter-Golf-Anlage (das japanische Pendant zum Minigolf) es von
einem Hotel zu einem "Resort" anheben - na ja. Unser Zimmer war sauber
und relativ geräumig, und der Strand weniger als 100 Meter weg.

Von 2008.09 Kumejima


Da wir mal wieder abseits der Hauptreisesaison unterwegs waren, war
auch nicht wirklich viel los. Vom Flughafen im Westen der Insel sind
wir mit einem uralten Bus einmal quer über die Insel, an allen Hotels
vorbei, bis zu unserer Herberge getuckert - Reisezeit knappe 20
Minuten.

Von 2008.09 Kumejima


Am ersten Abend haben wir dann nach dem Einchecken nur noch einen
kleinen Spaziergang entlang des Strands gemacht. Hier waren wir auf
knapp 2km Länge fast alleine, nur die Krabben und Krebse haben um die
Wette gebuddelt, überall flog aus kleinen, röhrenförmigen Löchern im
Boden Sand. Fleißige Tiere.

Von 2008.09 Kumejima


Der Rückweg zum Hotel ging durch den wohl am ehesten touristisch
geprägten Straßenzug, wo es auch 5-6 ganz leckere Restaurants gab. In
einem haben wir zu Abend gegessen, neben der lokalen Spezialität
"Taco-Reis" haben wir auch sehr interessant-schmeckenden Papayasalat
geschlemmt.

Von 2008.09 Kumejima


Am nächsten Morgen mussten wir früh raus, da um kurz vor 9 Uhr schon das Anprobieren unseres Schnorchel-Equipments anstand. In unserem Reisepackage war nämlich eine halbtägige Exkursion zu einer Sandbank knapp 30 Minuten von unserem Hotel entfernt enthalten.

Von 2008.09 Kumejima


Dorthin sind wir also mit einem kleinen Boot gefahren, das Meer wurde von Minute zu Minute Kobalt-blauer und dann waren wir endlich da. Eine ewig lange Sandbank, umgeben und geschützt durch ein Riff. Das einzige Bauwerk war hier die schon etwas im Sand versunkene Toilette. Und dann gab es Strand ohne Ende.

Von 2008.09 Kumejima


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Nach einem Crashkurs am Ufer ging es dann wieder mit dem kleinen Boot bis zum Riff, und da durften wir dann 30 Minuten schnorcheln und all die bunten Fische bestaunen, die um einen herum geschwommen sind.

Das Schnorcheln war eigentlich ganz nett, bis ich irgendwann eine ca. 2 Meter lange Seeschlange auf Nahrungssuche unter mir bemerkt habe - von da an war es für mich vorbei, ich habe einfach eingesehen, dass ich mich da in fremdem Revier aufhalte.

Von 2008.09 Kumejima


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Die Zeit auf der Sandbank war richtig nett, und sogar Mittagessen haben die Tour-Organisatoren für uns mitgebracht.

Am zweiten Tag haben wir uns ein Auto gemietet um den Rest der Insel zu erkunden. Ursprünglich wollten wir das ja per Rad machen, aber aus mir nicht erklärlichen Gründen war es günstiger ein Auto als 2 Fahrräder zu mieten!

Unser erster Stopp war ein ehemaliges Palastgebäude, welches 1754 gebaut wurde. Von hier aus hatte der damalige Herrscher einen ganz netten Blick über die halbe Insel. Das besondere an dem Anwesen sind seine vier unterschiedlichen Eingänge - einer war Königen und dergleichen vorbehalten, dann gab es einen Eingang für Herren und einen für Damen, und dann noch einen, den mal im Idealfall höchsten zwei Mal im Leben benutzen durfte - zur Hochzeit und wenn man das Zeitliche gesegnet hatte.

Von 2008.09 Kumejima


Von 2008.09 Kumejima


Von 2008.09 Kumejima


An der Küste im Nord-Osten gab es die Überreste einer alten Befestigung zu bestaunen, und ein wenig weiter im Norden wies uns ein Schild auf den "Tropical Fish Pool" hin. Dabei handelte es sich um einen natürlichen, zerklüfteten Küstenabschnitt, mit diversen kleinen Teichen, in denen allerlei bunte Fische rumschwammen.

Von 2008.09 Kumejima


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Im Zentrum der Insel gib es dann am höchsten Punkt noch eine weitere Ruine, von der man wirklich die gesamte Insel sehen konnte - und auch die Sandbank samt Riff vom Vortag.

Von 2008.09 Kumejima


Von 2008.09 Kumejima


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Der nächste Stopp ergab sich sehr spontan, als uns ein Schild zu einem Wasserfall von der Hauptstraße lockte. Die angegebenen 300 Meter mussten wir zu Fuß zurücklegen, es ging eine Steintreppe hinunter, links und rechts und über uns war Urwald. Der Ausflug Richtung Wasserfall war für mich nach wenigen Metern schon vorbei - genau dann, als ich links und rechts von mir Spinnen in urzeitlichen Größen in ihren Netzen sitzen sah! Die fiesen Dinger waren echt Hand-groß - und das schließt die geschätzten 25 Beine dieser evolutionstechnisch völlig zu Unrecht noch nicht ausgerotteten Spezies nicht aus.

Am Ende haben wir am "Bade-Haus" Halt gemacht und haben die angenehmen Temperaturen nach dem Sonnenuntergang genossen. Das Bade-Haus, welches wirklich den deutschen Namen trägt, ist nichts Anderes als ein modernes Spa - da war wohl mal wieder ein studierter Marketing-Mensch am Werk. Was sonst soll Deutschland und der Begriff auf dieser Insel zu suchen haben - hier waren schließlich immer nur die Chinesen zu Gange.

Von 2008.09 Kumejima


Weitere Bilder:

21. August 2008

Olympia

Japanisches Fernsehn ist ja im Allgemeinen schon eine ziemlich anstrengende Sache. Da flimmern eigentlich nur bunte Schriftzeichen über den Bildschirm, ohne jeden Inhalt. Und dann soll das ganze auch noch unterhaltsam sein.

Und wenn dann doch mal ein internationaler Film auf den öffentlichen Kanälen läuft, wird meistens derart geschnitten, dass zum einen alles zwischen die Werbeblöcke passt und zum anderen so, dass man sich regelmäßig verarscht vorkommt, weil zentrale Szenen einfach fehlen.

Auch ganz toll sind die Zusammenfassungen, die in den Pausen am Ende der Werbeblöcke im Hintergrund laufen, während die Hauptsponsoren genannt werden. Der TV-Zuschauer in Japan scheint hier einen einstelligen IQ zu haben.

Jetzt ist aber Olympia, und alles ist noch viel schlimmer!

Die Berichterstattung läuft auf 4-5 frei-empfangbaren Kanälen gleichzeitig, alles in HD, und auf allen Kanälen das gleiche Programm.

Es kommen eigentlich nur Sportarten, bei denen Japaner auch wirklich mitmachen. Also Sportarten wie Softball und Baseball (die Gott sei Dank ja ihren letzten Auftritt bei Olympia haben) und JUDO!. In den ersten Tagen gab es nichts anderes zu sehen als die Damen und Herren in ihren Bademänteln. Da konnte ich nicht umhin als auch mal bei meinen Kollegen meine tiefe Enttäuschung über die Berichterstattung auszudrücken – Judo ist seitdem bei mir noch mehr unten durch als es vorher war.

Die Japanischen Zuschauer scheinen im Allgemeinen eh viel mehr Interesse an den persönlichen Schicksalen ihrer Athleten zu haben als an dem eigentlichen sportlichen Wettkampf. Vor ein paar Tagen wurde zum Beispiel NACH dem Ende des Hammerwurfwettbewerbs nicht etwa auf die aktuellen Entscheidungen umgeschaltet, sondern in aller Ruhe der etwas verwirrte Abgang ihres Athleten (der rein gar nix gewonnen hat) aus dem Stadion gezeigt, heftig kommentiert von zwei Kommentatoren.

Derweil konnte man im Hintergrund die Zuschauer jubeln hören und ab und zu einen Blick auf die Anzeigetafeln erhaschen, die dann doch die aktuellen Wettkämpfe gezeigt haben.

Auch scheuen sich die TV-Macher nicht, lieber eine Wiederholung mehr zu zeigen als eine zu wenig. Selbst der Marathon-Lauf der Damen wurde in zahlreichen Wiederholungen gezeigt – sehr spannend...

Ich bin mittlerweile so weit, dass ich die Fernbedienung Richtung TV werfen will, wenn mal wieder die x-te Wiederholung vom Aufwärmen der japanischen Softball-Ersatzspielerinnen gezeigt wird, anstelle der aktuellen Leichtathletik-Entscheidungen.

Olympia im japanischen Fernsehn ist eine SEHR SEHR anstregende Sache, am liebsten würde ich ganz abschalten, aber das geht dann ja auch nicht.

5. August 2008

Streetview Japan

Seit gestern hat Google Maps die Option Streetview für ausgewählte japanische Städte integriert!

Hier ist z.B. meine Firma:


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15. Juli 2008

Kreditkarten

Japans Finanzwelt ist der blanke Horror.

Angefangen von Geldautomaten, die abends um 23 Uhr Feierabend machen und nach 18 Uhr sogar nur gegen einen Aufpreis ihren Dienst tun - 1,20 Euro um Geld abzuheben.

An der Börse läuft sowieso alles ganz anders, Firmen werden hier nach einem sehr eigenen und mit der globalen Weltwirtschaft eher inkompatiblen System bewertet - viele Unternehmen und deren Praktiken würden außerhalb von Japan zu einem absoluten Chaos führen. Gott sein Dank sind die hier auf einer Insel gefangen und glauben weiterhin, im 16. Jahrhundert zu sein. Die Banker zumindest.

Anstoß meiner neuerlichen Klagen sind meine Bemühungen, in Japan eine Kreditkarte zu bekommen. Um es klar zu stellen, ich will keinen Kredit, sondern nur diese ganz einfache Plastik-Karte mit dem VISA-Logo drauf. Um z.B. meine Bücher bei Amazon bezahlen zu können.

Heute hat mich die dritte Bank abgelehnt - ein unter Ausländern in Japan bekanntes Erlebnis. Bei der Gelegenheit bin ich auch auf ein Forum unter dem Namen Fuckedgaijin (der 2. Teil dieses zusammengesetzen Ausdrucks ist die eher unfreundliche Variante für "Ausländer" in Japanisch...) gestoßen - lustig.

Gründe der Ablehnung bekommt man nicht genannt.

Dieses Mal habe ich mich mit einem Kollegen meiner Firma zu der Bank begeben, die zur gleichen Unternehmensgruppe gehört wie meine Firma, und die mir bei meiner Einstellung als Willkommensgeschenk ein Bankkonto ausgestellt hat.

Bei der Beantragung hab' ich mich mal wieder völlig ausgezogen, ihnen sagen müssen, wo ich arbeite, wie lange schon, wie viel ich verdiene im Jahr, mit wem ich wo wie lange schon wohne. Selbst mein nagelneues, 3 Jahre gültiges Arbeitsvisum habe ich ihnen in freudiger Erwartung ausgehändigt.

Hat alles nix gebracht, auch dieses Mal wollen die mir als Ausländer keine Kreditkarte geben - ticken die japanischen Mitarbeiter von VISA - einem immerhin Amerikanischen Unternehmen - irgendwie nicht richtig? Die können halt meine finanzielle Vergangenheit nicht checken, aber dass ich eine Festanstellung bei einer Schwester-Firma der ihren habe, mit geregeltem und nicht zu kurzen Jahresgehalt scheint da zweitrangig zu sein und nicht auszureichen.

Nach meiner dritten Absage finde ich mich hier in Japan wohl zum ersten Mal seit 1,5 Jahren im Bereich der Diskriminierung wieder und überlege, wo ich ansetzen muss, um an eine Kreditkarte zu kommen.

Ist aber auch mal eine tolle Gelegenheit um nachzuforschen, ob es hier für Ausländer eine Anti-Diskriminierungs-Stelle gibt, und ob die da weiterhelfen kann.

14. Juli 2008

Abschied

Nach gut 1 1/2 Jahren verlassen wir die Garden Town Hikarigaoka. Einen weiteren Hochsommer bei Zimmertemperaturen von jenseits der 40°C wollten wir uns dann doch nicht mehr antun.

Und nach 1 1/2 Jahren habe ich es dann doch noch geschafft, abends mal zum fotographieren loszuziehen:

7. Juli 2008

G8

Der G8-Gipfel in Hokkaido legt das gesamte Land lahm.

Am Wochenende in Sendai war es schon nicht mehr möglich, die Schließfächer am Bahnhof zu benutzen - sind wir halt in ein beliebiges Hotel gleich gegenüber des Bahnhofs gegangen und haben da unser Gepäck zur Aufbewahrung abgegeben. Nicht dass wir da ein Zimmer gebucht hätten - so weit geht die Sicherheit dann anscheinend doch nicht. Abgegeben, Schlüsselkarte entgegengenommen, fertig.

In Tokio stehen an allen Bahnhöfen Polizisten in rauen Mengen rum. Die stehen da auf kleinen niedlichen Leitern, um einen besseren Überblick zu bekommen. Und anscheinend haben sie während des Trainings gelernt, ernst und finster zu schauen.

Vor öffentlichen Gebäuden wird überall die Straße abgesperrt, da stehen dann ein paar Polizisten bewaffnet mit ihren Lichtschwertern und sollen Autos daran hindern, hier anzuhalten. Wie das im Ernstfall funktionieren soll, kann ich mir nicht erklären (oder die haben wirklich die Schwerter aus Star Wars nachgebaut).

In der Mittagspause wurde heute sogar ein unbemannter Lieferwagen von Seven-Eleven von zwei jungen uniformierten Polizistinnen inspiziert - und wahrscheinlich wenig später verhaftet.

Gestern Abend in den Nachrichten war von 900 friedlichen Demonstranten die Rede - die immerhin von 2.000 Polizisten begleitet worden sind.

Also, mir scheint das alles sehr übertrieben. Zum einen ist Japan immer noch einen Insel, die vor kurzem eingeführte verschärfte Einreise mit der Pflicht zur Fingerabdruck und Fotoabnahme müssten doch eigentlich alle feindlich-gesinnten Zeitgenossen abhalten können. Anscheinend sind noch nicht einmal die Japaner selbst von ihrem System überzeugt.

Und dann sorgen derzeit Polizisten für Sicherheit, die im normalen Tagesgeschäft - ohne irgendjemanden persönlich beleidigen zu wollen - ihre Formulare in ihren Polizeiboxen bewachen und sich um verlorene Geldbörsen kümmern. Ich glaube kaum, dass die japanische Regierung all den derzeit aktiven Sicherheitskräften eine entsprechende Fortbildung hat zukommen lassen. Die wäre wohl allein von der Masse kaum möglich.

Durch die ganze Präsenz fühlt man sich eher unsicherer als im normalen Alltag, vor allem, weil sie sich nicht etwa dezent im Hintergrund halten, sondern an jedem Kanaldeckel mit einem halben Dutzend Leuten rumpatrouillieren.

Hoffentlich ist der ganze Hokus-Pokus bald vorbei, ich komm mir derzeit vor, wie in einem Polizeistaat. Oder einer Art Karneval, bei all den Uniformen und Lichtschwerten...

6. Juli 2008

Matsushima

Am zweiten Tag unseres Ausflugs nach Sendai sind wir nach dem Mittagessen - Sendais Spezialität Gyutan haben wir (ich in Begleitung von drei netten Mädels) einen Zug nach Matsushima genommen.



In der Bucht von Matsushima gibt es ca. 250 kleine Inseln, die zum Teil mit Kiefern bedeckt sind. Daher wohl auch der Name der Stadt, da "Matsu" so viel wie "Kiefer" bedeutet und "Shima" das japanische Wort für Insel ist.

Matsushima gehört zu den drei schönsten Landschaften Japans (Nihon sankei), einer Liste, die sich laut Wiki-Einträgen mit der Liste der sieben Weltwunder vergleichen lassen soll.

In der Bucht liegen dann wirklich wahllos zahlreiche mehr oder minder große Felsbrocken rum, die - soweit ich dass verstanden habe - durch ein Erdbeben in Südamerika und den darauf folgenden Tsunami die heutige Erscheinungsform erlangt haben.







Die Felsbrocken schaut man sich dann am besten während einer etwa 60-minütigen Bootstour an. Irgendwie scheint jede Insel ihren eigenen Namen zu haben.



Die Japanischen Touristen auf dem Schiff konnten sich allerdings nicht für das eigentliche Naturschauspiel begeistern, sie waren viel mehr damit beschäftigt, die Möwen mit Krabben-chips zu füttern. Japaner sind halt auch nicht anders als die deutschen Mallorca-Touristen.





In Matsushima gibt es außerdem noch den Zuigan-ji Tempel zu sehen. Die Tempelanlagen selbst haben wir uns nicht angeschaut, sind einfach nur durch den sehr beeindruckenden Vor-Park (?!) geschlendert. Mit dem dichten Baumbestand und den in die Felswände gemeißelten Höhlen sehr eindrucksvoll.









Ach ja, wahrscheinlich hätten die uns da eh nicht 'reingelassen, da wir ja mit einem lokalen Brauereierzeugnis durch die Gegend spazierten..

5. Juli 2008

Sendai

An diesem Wochenende war meine Freundin auf einer Hochzeit in Sendai eingeladen - und ich habe natürlich die Chance genutzt und bin als "Tourist" mitgefahren.

Sendai hat gut 1 Mio. Einwohner und ist von Tokio aus in ca. 2 1/2 Stunden mit dem Shinkansen zu erreichen.

Eigentlich habe ich nicht wirklich viel erwartet - bisher haben sich doch fast alle japanischen Städte als eine bitterböse Warnung an alle Stadtplaner dieses Universums herausgestellt - zerstört von pseudo-futuristischen Ideen, gleichgewaschen und jeglicher Identität und Lebensqualität beraubt.

Nach unserer Ankunft gegen 12 Uhr am Bahnhof, habe ich mir in der Touristen-Information einfach mal einen Stadtplan geben lassen und bin 'drauf los gelaufen.

Der Bahnhofsvorplatz ist, wie in vielen Japanischen Städten, auf er +1 Ebene installiert, getrennt vom Verkehr, der unter der Plattform dahinrauscht. Dieser als "open space" kategorisierte Raum (?) hat leider nirgendwo in Japan Aufenthaltsqualitäten, hier bewegt man sich eigentlich nur zum oder vom Bahnhof. Auch in Sendai ist dies nicht anders.



Nach einer kurzen Strecke biege ich in die überdachte Shopping-Mall ein. Die ewig lange Einkaufsstraße wurde erst nachträglich überdacht, und ist ebenfalls in vielen japanischen Städten in dieser Art zu finden. War sie VOR der Erfindung der Shopping-Mall amerikanischer Prägung wohl DER Shopping Hotspot in der Stadt, finden sich heute eher Geschäfte der 2. und 3. Liga sowie Grandma-Shops wieder, die es verpasst haben, sich den veränderten Konsumanforderungen anzupassen.



Nach gut 500 Meter verlasse ich die Mall wieder und schlendere entlang einer Hauptstraße Richtung Kotodai-Park. Unterwegs komme ich an einem Büro meiner Lieblingsfirma in Japan vorbei - Sekisui-House (was besonders lustig ist, wenn man die Werbung im Fernsehn sieht und die japanische Aussprache für meine Ohren in Richtung "Sexy House" tendiert).

Der Park in der Nähe der Bezirksverwaltung ist auf den ersten Blick nix Besonderes, immerhin gibt es hier ein wenig Schatten und Wasserspiele. Auch eine Bühne ist vorhanden, wo um die Mittagszeit diverse junge Bands ihre Instrumente malträtieren. Am Abend wird da wohl ein Konzert-Event stattfinden.



Vom Park aus soll meine nächste Stadtion die berühmte Mediathek sein. Die Mediathek ist eine von Toyo Ito komponiertes Gebäude, in dem sich nicht nur die städtische Bücherei sondern auch diverse Ausstellungsräume, eine loungige Bar sowie Arbeitsräume für Studenten befinden. All das umgeben von sehr viel Glas, coolen Aufzügen und - für eine städtische Einrichtung - großzügigen Öffnungszeiten (täglich 9-22 Uhr).

Zu dumm, dass das Grundstück vor der Mediathek durch eine Tankstelle belegt ist, warum die Stadt hier keinen urbanen Platz installiert hat, bleibt mir ein Rätsel.





Die Straße zwischen dem Park und der Mediathek - Jozenji-dori-Avenue - ist jedoch das eigentliche Highlight Sendais. Hier stehen an beiden Straßenseiten riesige Bäume, und in der Mitte gibt es einen Median für Fußgänger, der ebenfalls nochmal von Bäumen begleitet wird. Man fühlt sich wirklich wie im Wald, den Himmel kann man dank der dichten Baumkronen nicht sehen, und speziell an diesem doch schon etwas zu warmen Sommertag ist es hier sehr angenehm schattig. Die zentrale Fußgängerachse bietet Bänke an beiden Seiten, an Kreuzungen stehen Skulpturen rum, und ab und an gibt es auch ein kleines, mobiles Outdoor-Cafe.





So etwas habe ich in ganz Japan noch nicht erlebt - und bin dann doch etwas positiv überrascht aufgrund der plötzlichen urbanen Qualität, die sich mir hier bietet. Ich kann also einfach nichts Anderes tun, als hier eine kleine Pause einzulegen; ich setze mich also auf eine der Bänke , verzehre mein Mittagessen und schaue der Welt um mich rum zu. Für einen Moment fühle ich mich wie in Europa.







Jetzt werde ich von einem kurzen, aber heftigen Sommerschauer überrascht, der Regen prasselt nur so nieder. Gott sei Dank bin ich immer noch unter den Bäumen, die überhaupt kein Regen durchzulassen scheinen.



Ich schlendere weiter in Richtung Fluss, in der Erwartung, einen der für Japan typischen einbetonierten Kanäle zu sehen. Auch hier werde ich gleich ein weiteres Mal überrascht Obwohl der Fluss eine betonartige Fassung an beiden Seiten aufweisen kann, ist der eigentliche Flusslauf doch sehr organisch und naturnah geprägt, mit kleinen Inseln und diversen Pflanzen, die hier wachsen. Auch scheint das Wasser auf den ersten Blick sehr klar und sauber zu sein. Grund genug, mich noch näher ans Ufer ranzuwagen.





Über die Brücke und eine Fussgängertreppe hinunter bahne ich mir meinen Weg zum Fluss. Quasi unter der Brücke laufe ich 50 Meter durch eine enge Straße mit kleinen, alten Häusern. Die standen hier wohl schon vor der Brücke, als der Fluss noch mehrmals im Jahr mit Überschwemmungen auftrumpfen konnte und bevor ihm mittels eines Staudamms die Kraft genommen wurde.



In den Flussauen spielen Kinder Baseball. Ich setze mich derzeit ans Ufer und schaue dem Wasser beim Fließen zu. Innerhalb von höchstens 10 Minuten queren zwei professionell ausgestattete Angler meinen Weg, die wenig später im Fluss stehen und sich im Fliegenfischen üben - das Wasser muss wirklich sehr sauber sein.



Nach der kleinen Pause geht es weiter entlang der Kirschblütenprommenade, die im Sommer leider nicht wirklich reizvoll ist, da die ganzen alten Kirchbäume eigentlich nur den Blick zum Fluss verhindern. Im Mai sieht es hier bestimmt anders aus.



Am Ende komme ich zu meiner zweiten Brücke. Diese ist von Pflanzen überwuchert und macht einen richtig schönen, alten Eindruck. Der nun folgende Abschnitt entlang des Flusses ist Fußgängerzone, etwas zu viel Beton, aber sonst ganz nett. Und er endet etwas abrupt vor einem etwas bonzigen Haus, so dass ich nur über einen Schleichweg weiterkomme.





Jetzt folgt einer der schönsten Abschnitte.





Nächstes highlight - soweit ich die Karte und den Flusslauf analysiert hatte - war eine 180° Schleife. Diese kommt zu Stande, weil der Fluss auf eine ziemliche Felswand trifft und so seinen Lauf ändert. Hier erwarte ich den wohl eindrucksvollsten Anblick der Natur Sendais. Dieses Mal werde ich jedoch negativ überrascht. Hier gibt es keinen Park, keine Flussaue, auch kein Hotel oder gar ein Restaurant - hier lebt eine Fahrschule vor sich hin. Die Fahrschüler kreisen auch an diesem Tag vor dem Hintergrund der Felsklippen und des Flusses über die Trainingsstrecke. Wer die Genehmigung gestempelt hat, den sollte man doch besser wegschließen - was eine Unverschämtheit gegenüber der Natur!





Ein paar Flussüberquerungen später stehe ich am Fusse eines Hügels, der weiter oben mit dem Zuihoden Mausoleum aufwarten kann. Hier liegt Date Masamune begraben, ehemaliger Daimyo von Sendai. Die Originalgebäude sind alle im zweiten Weltkrieg den Flammen zum Oper gefallen, heute kann man da oben lediglich die originalgetreuen Nachbauten anschauen. Und auch nur einige, da die vollständige Nachbildung noch nicht abgeschlossen ist. Die eigentlichen Gräber interessieren mich weniger, aber die ewig-langen Felstreppen machen schon etwas her.







Nach erfolgreichem Abstieg laufe ich weiter entlang des Flusses und komme durch richtig alte Nachbarschaften und schließlich entlang einer ganzen Reihe von Universitäten. In Sendai gibt es derart viele Bildungseinrichtungen, die zudem auch ein internationales Publikum anzusprechen scheinen. Auf jeden Fall begegne ich an diesem Tag verhältnismässig vielen Nicht-Asiaten.

Das letzte Stück meines Spaziergangs führt mich durch die Aoba Dori. Auch diese Straße ist von Zelkoven gesäumt, hat aber keine Mittelachse wie die Jozenji-dori-Avenue.



Nach gut 4 1/2 Stunden und gut 10 km komme ich endlich in der Nähe des Bahnhofs am Hotel an und gönne mir die längst überfällige Dusche.

Noch ist der Tag allerdings nicht vorbei. Gleich nachdem meine Freundin von ihrer Hochzeitsparty erschöpft ins Hotel zurückkehrt, dränge ich sie auch gleich dazu, doch noch mal zur Mediathek zu gehen. Schließlich will ich das Gebäude und die Einrichtung an sich auch abends, erleuchtet sehen. Wir schlendern also durch die jetzt halbleeren überdachten Einkaufszeilen, wo sich zunehmend die Jugendlichen treffen, um den Party-Abend einzustimmen.

Die Mediathek ist abends noch viel eleganter als tagsüber. Durch die dezente Beleuchtung kommt vor allem die gläserne Konstruktion des Gebäudes voll zur Geltung.

Noch viel mehr als die Mediathek will ich aber noch ein zweites Mal den öffentlichen Raum im Zentrum der Jozenji-dori-Avenue geniessen. Schon bei meinem ersten Besuch ein paar Stunden zuvor habe ich beschlossen, dass ich hier später in Ruhe sitzen und ein Bierchen trinken will. Diesem Plan kommen wir nach, eben im nächsten Convenienece-Store Halt gemacht, und schon sitzen wir im Halbdunkeln auf einer netten, sauberen Parkbank. Und sind ganz alleine! Wäre dies Paris oder Barcelona oder Lissabon, man müsste wohl Wochen im voraus reservieren, um hier Samstag abends einen Platz mit seiner Verehrten zu bekommen. Wir sind alleine, die jungen Japaner treiben sich lieber in den grell erleuchteten, wenig einladenden Einkaufspassagen rum. Hier sind sie wohl näher an ihren Karaoke-läden dran. Wie auch immer. Uns soll es recht sein. Wir geniessen den Augenblick.




Auch wenn ich Sendai lediglich einen halben Tag erkundet habe, kann ich doch sagen, dass hier vieles anders ist als in Tokio, Osaka und sonst wo in Japan. Hier rennt niemand gehetzt durch die Gegend. Alles ist etwas gemütlicher. Und sehr viel Grüner. Die Jozenji-dori-Avenue ist einfach wunderschön, wohl einer der schönsten Flecken Stadt, die ich bisher in Japan erlebt habe.

2008.07 Sendai



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p.s. Der Bericht zu den Bildern aus Matsushima folgt die Tage....